| Der Sehsinn ist der wichtigste Sinn des Menschen. Mit ihm verschaffen wir Menschen uns Orientierung in der Welt und doch ist es ein Sinn dessen Erkenntnisqualität voller Täuschungen ist. Denn nicht die Rezeptoren in unseren Augen sorgen für das Bild in unserem Kopf, nein, sie sind nur ein Teil des Apparates, der dafür sorgt, dass wir uns ein visuelles Bild der Welt machen können. Ein ebenso – möglicherweise sogar noch wichtigeres Element ist unser Gehirn, dass aus den Sinneseindrücken ein Bild erschafft, das zwar die äußere Welt einfängt, aber gleichzeitig sehr viel dazuerfindet. Wir alle kennen das Phänomen, dass wir nicht gänzlich scharfe, oder sogar nur in Bruchstücken vorhandene Darstellungen der Wirklichkeit in unserem inneren Auge vervollständigen. Noch verblüffender ist sicherlich das Phänomen des Nachbildes – eine Art Abdruck des Gesehenen, das aber nicht die gleiche Farbigkeit oder Dichte der Darstellung beinhaltet. Wenden wir uns der gegenständlichen Kunst zu, begegnen wir noch sehr viel mehr Phänomenen, die trotz der langen Geschichte der gegenständlichen Kunst unerschöpflich zu sein scheint. Sie ist das beste Beispiel, dass der Mensch in der Kunst eine eigene Wirklichkeit erschafft: sogar dann, wenn er in der so genannten fotorealistischen Malerei behauptet die Wirklichkeit basierend auf Fotodokumenten wiederzugeben.
Schon in den Höhlenmalereien vor über 30 000 Jahren finden wir Zeugnisse gegenständlicher Tier- und Menschendarstellungen und doch sind diese Darstellungen sehr viel mehr als die Abbildung der Wirklichkeit. Sie sind Erzählungen über das Mensch-Sein. Betrachten wir die lange Reihe von Darstellungen biblischer Szenen in der Malerei sehen wir Gegenstände und Menschen, aber auch hier wird uns mittels einer ausgeklügelten Ikonographie eine eigene Welt präsentiert, die weit über den Gegenstand hinausweist. Mit der Romantik eines Caspar David Friedrich erleben wir die Erschaffung einer geistigen Sphäre, deren gegenständliche Darstellung nur den Boden für unsere Imagination bereitet. Die Impressionisten sind ein weiteres Beispiel der Darstellung der gegenständlichen Welt, die aber schon auf dem Bewusstsein unseres inneren Eindrucks beruht und damit die wissenschaftlichen Erkenntnisse des beginnenden 20. Jahrhunderts vorwegnimmt. Mit den Expressionisten wird anhand gegenständlicher Darstellungen das Innere nach außen gekehrt und die scheinbare Nüchternheit der neuen Sachlichkeit führt dank der Verführungskunst der Malerei zu weit mehr als dem Faktischen. Gerade in Deutschland kann man auf eine große Tradition gegenständlicher Malerei zurückgreifen und so mag es kein Zufall sein, dass in den 60er Jahren mit Künstlern wie Gerhard Richter, Georg Baselitz, Jörg Immendorf oder Sigmar Polke die Gegenständlichkeit einen neuen Siegeszug angetreten hat. Auch die amerikanischen Fotorealisten verschafften der realistischen Malerei einen neuen Spin, der den scheinbaren Siegeszug der Fotografie und der Abbildung der Wirklichkeit die Qualität der künstlerischen Aneignung von Wirklichkeit und der damit verbundenen Transformation entgegensetzte.
Zwanzig Jahre später gefolgt von den Jungen Wilden und in den 90er Jahren in gänzlich neuer Form erweitert durch die neue Leipziger Schule, die Narrative im Bild wieder in den Mittelpunkt rückten. Spätestens seit diesem Zeitpunkt gibt es keinerlei Kanon mehr und wir können auf unbeschreiblich viele Formen der gegenständlichen Malerei schauen.
In unserem Programm 2025 bilden wir davon einen nicht unerheblichen Anteil ab. In diesem Newsletter beschäftigen wir uns nur mit der Malerei – weder mit der Fotografie noch mit dem Aquarell.
Mit dem Schweizer Künstler Alex Bär verbindet uns eine langjährige Partnerschaft. In seinem Kurs arbeitet er mit der Figur. Wir wollen die anatomische „Stimmigkeit“ nicht ganz vergessen, wichtiger aber ist es konkrete Wege und Strategien, hin zu einer überzeugenden Abstraktion, zu entwickeln. Erlebbar wird eine figürliche Malerei jedoch erst durch die formale Abstraktion.
Auf dieses Thema zahlt ebenso Felix Eckardt in seinem Kurs ein. Auch hier werden ausgehend von der gegenständlichen Darstellung Abstraktionen vorgenommen, die zu einer neuen Offenheit, Prägnanz und Wirklichkeit führen. |